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Gerhard J. Ernest

von Gerhard J. Ernest | 01.11.2014

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Gespräch mit David Roth, dem neuen Geschäftsführer des „Landhotels der Seele“

Herr Roth, als Ihr Vater Fritz Roth im Jahr 2008 den 10. International Funeral Award gewonnen hat, war er ein Revolutionär der Bestattungsbranche. Den in Antwerpen für seine „Gärten der Bestattung“ verliehenen Preis, der auch als Branchen-Oscar gilt, erhielt er damals für das beste Bestattungsangebot Europas.

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David Roth, Foto ©Manfred Esser

Als das Oberhaupt Ihrer Familie Ende 2012 überraschend schnell mit 63 Jahren an Leberkrebs verstarb, kannte man ihn durch viele TV-Auftritte, unter anderem bei Günther Jauch und Markus Lanz. Seine provokanten Aussagen wie „Es gibt keine Trauer light“ oder „Tabus wie Sex und Tod machen das Leben aus“ kennen viele unter uns aber auch aus Radioberichten. Unzählige Medienberichte über das Bestattungshaus Pütz-Roth im Stern, Spiegel, Focus, managerSeminare, im Magazin des Lions Clubs, in Tageszeitungen und Fach-, aber auch Wirtschaftszeitschriften spiegelten die lebenslange Forderung Ihres Vaters:

„Wir brauchen keine neue Sterbekultur. Wir müssen nur die alte wieder entdecken.“

Spätestens ab der Trauerfeier Ihres Vaters am 29. Dezember 2012, der als Bauernsohn einst Priester werden wollte, allerdings der Liebe wegen einer Karriere als Unternehmensberater den Vorzug gab, wurden Sie zum Chef von 30 Mitarbeitern. Während Sie das Management des Unternehmens Pütz-Roth sowohl repräsentieren als auch kommunizieren, zeichnet Ihre gleichberechtigte Schwester Hanna für das Tagesgeschäft verantwortlich. In Ihrem Unternehmensblog „Trauerbegleiter“ sprechen Sie ganz offen über die erste Zeit „danach“. Was war der erste Gedanke, als Sie sich Ihrer neuen Rolle, nämlich der des Geschäftsführers, in der ganzen unternehmerischen Tragweite bewusst wurden?

David Roth: Unsere Familie hält eng zusammen. Wir leben selbst, was wir nach außen verkörpern. Nähe im Sinne von Miteinander. Das ist unserer Mutter, meiner Schwester Hanna und auch mir sehr wichtig. Für uns alle kam die Nachfolgeregelung nicht überraschend.

Uns stand ausreichend Zeit zur Verfügung. Ich wurde nicht von heute auf morgen zum neuen Geschäftsführer berufen. Trotzdem gibt es noch häufig Situationen, in denen ich denke, gleich müsste Vater um die Ecke kommen. Ich handle gemäß unserer Philosophie „Der Trauer ein Zuhause geben“. Die Trauer ist ein schmerzlicher Prozess, der mich noch lange begleiten wird.

Herr Roth, Ihr verstorbener Vater, der sich 1985 in Essen vom Trauerexperten Jorgos Canacakis ausbilden ließ, war Quereinsteiger. Welchen Beruf übten Sie vorher aus?

David Roth: Nach einem Studium der Betriebswirtschaft machte ich sehr unterschiedliche Erfahrungen, die mir Leid, Ängste, Schmerzen, Sprachlosigkeit und das Trauern näherbrachten. Meine Familie schickte mich für ein Jahr nach Amerika. Allerdings nicht zum Urlaubmachen. Hier lernte ich die unterschiedlichsten Kliniken, aber auch den American Way of Life kennen. Nur das Suchen und Finden neuer Impulse sowie das Ausleben eigener Kreativität ermöglichen uns, ständig neue Wege im Umgang mit der Trauerbewältigung zu entwickeln.

Zurück zu Ihrer Frage. Ich war Rettungssanitäter, arbeitete als Krankenpfleger im Hospiz und lernte so den Alltag in Krankenhäusern, Pflegestationen und auch auf einer Palliativ-Station kennen. Selbst die Pflichten und Nöte eines Pagen sind mir nicht fremd. Denn ich arbeitete acht Monate in einem Grandhotel. Dort war ich für das Bankett zuständig. Sie sehen, der Begriff „Landhotel der Seele“, mit dem mein Vater so manchen Besucher amüsierte, liegt fast auf der Hand.

Sie sprechen offen darüber, dass Ihr Vater, der das Unternehmen Pütz-Roth zusammen mit Ihrer Mutter 1983 gründete, die Bestatter-Zunft häufig provozierte. Bereits als er von seinem unheilbaren Krebsleiden wusste, rebellierte er sinngemäß: An jedem Tag, den er noch hat, sollen sich alle warm anziehen. Deshalb die Gewissensfrage: Verstehen Sie sich im Hinblick auf die Rückbesinnung der Bestattungskultur so aufrüttelnd wie der Gründer Fritz Roth? Oder sind eher sanftere, aber mindestens genauso wirksame Worte Ihre Stärke?

David Roth: Jeder Mensch ist ein Original. So werde ich weder das Denken noch das Wesen meines Vaters imitieren können. Mein Vater konnte sich sein Leben lang nicht damit abfinden, dass Menschen meist ihr ganzes Leben lang versuchen, den Gedanken an den Tod zu verdrängen. Vielleicht meinen Sie das mit „aufrüttelnd“.

Geht es darum, Menschen ein Bewusstsein für den Sterbeprozess und das Abschiednehmen zu vermitteln, setze auch ich meine ganze Energie dafür ein.

Herr Roth, Ihre Branche gilt weltweit als milliardenschweres Geschäft: „Gestorben wird immer.“ Hinter den Bestatter-Kulissen wird gerade in Ballungszentren und Großstädten oft hart um Marktanteile gekämpft. Die Abwicklung

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des Todes gleicht in manchen Fällen allzu oft dem Einkauf im Supermarkt: Kurz nach dem Ableben eines Menschen wird der Bestatter ums Eck gerufen, der innerhalb weniger Stunden „alles Zeitraubende von A–Z erledigt“. Selbstverständlich zum garantierten Fest- oder „Bei uns ab …“-Preis.

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Foto ©Pütz-Roth/Sen-Gupta

Sie sprachen Anfang November als Referent beim „Deutschen Bestatter Kongress 2013“ in Bonn. Das Thema lautete: „Lebensnahe Trauerkultur bei Pütz-Roth“. Ihr Familienunternehmen gilt unter Bestattern als führend. Sie referierten dort über die Nachfolgeregelung in Bestattungsunternehmen.

Ungeachtet dessen: Wie unterscheidet sich eine Pütz-Roth-Bestattung von einer (Urnen-)Beisetzung durch weniger bekannte Kollegen?

David Roth: Verglichen mit anderen Bestattern hat Pütz-Roth die 3-fache Anzahl an Mitarbeitern. Außer Bestattungen bieten wir auch Trauerbegleitungen sowie umfangreiche Leistungen in unserer Trauer-Akademie an. Das heißt, wir können uns für den Einzelfall viel mehr Zeit nehmen.

Begräbnis nach Katalog, aus dem Hinterbliebene Sargdecken, Standardsärge, Urnen oder Rüschenkissen wählen können, werden Sie bei uns nicht finden. Wir regen Trauernde zur Reflexion an. Wir stellen Fragen nach Hobbys, Besonderheiten, Musikgeschmack, Lieblingskleidung. Ungewohnt ist für so manchen unserer Auftraggeber, dass Pütz-Roth in das Geschehen der Trauerbegleitung die Hinterbliebenen einbezieht. Das kann durch Bemalen eines einfachen Holzsarges passieren. Oder durch das Basteln einer Urne. Um nur einige Beispiele zu nennen.

Auch die Urne unseres Vaters stellten wir mit eigenen Händen her. Unsere Kinder spielten damals im Kindergarten zufällig mit Luftballons. So entstand die Idee, daraus eine Urne zu fertigen. Es muss nicht immer Eiche massiv oder ein fabrikmäßig hergestelltes Aschenbehältnis sein.

Wer möchte, kann sich von seinen Verstorbenen auch über einen längeren Zeitraum verabschieden. Wir halten dafür unterschiedliche Räume mit Küche und Bad bereit. Übrigens halten wir bei Pütz-Roth von Trauerkosmetik sehr wenig. Das heißt, Angehörige können sehen, wie sich ein Leichnam im Laufe der Zeit verändert. So wird Loslassen für viele einfacher und sichtbarer.

Nicht zu vergessen unser eigener, idyllisch gelegener Friedhof. Ob eine Urnenbestattung unter Bäumen oder eine Gitarre als Grabstein, bei uns ist fast nichts unmöglich. Selbstverständlich alles im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften.

Für uns sind alle gleich. Auch bei Bestattungen, die wir im Auftrag des Sozialamts durchführen, gibt es keine Stoppuhr. Was zählt, ist ein würdevoller Abschied. Generell verwenden wir, verglichen mit Kollegen, für die Betreuung der Angehörigen und die Feierlichkeiten die 2,5-fache Zeit.

Trauerredner oder kirchliche Vertreter sind uns jederzeit willkommen. Weiterhin bestatten wir auch im Auftrag von Kollegen. Oder am Wunsch-Friedhof des Verstorbenen.

Welche menschlichen und ethischen Ansprüche stellen Sie an Ihre Mitarbeiter im „Landhotel der Seele“? Was ist der außergewöhnliche spirituelle Mehrwert, den Sie und Ihre Schwester durch Ihre Mitarbeiter bieten?

David Roth: Unter unseren Mitarbeitern sind sieben Auszubildende, Frauen und Männer. In diesem Jahr konnten wir erstmalig nicht ausreichend Menschen finden, die unseren Ansprüchen gerecht werden. „Empathie“ ist beispielsweise schon wieder so ein kühles, technisches Wort. Wir wünschen uns Reife, Hilfsbereitschaft in jeder Alltagssituation. Und die Fähigkeit, Distanz zuzulassen, falls gewünscht.

Nur noch jeder zweite Deutsche möchte, wie früher

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üblich, in einem Reihengrab die letzte Ruhe finden. Statt schwarzer Trauerkleidung und linear angelegter Gräber wird die Forderung nach Farbe laut. Und zwar in jeder Beziehung.

Diese Entwicklung ermittelte die Verbraucherinitiative Aeternitas. Das heißt, wer individuell lebt, will keine 08/15-Bestattung. Bedingt durch Patchworkfamilien, die starke Tendenz zu Singlehaushalten sowie eine generelle Überalterung unserer Gesellschaft wird das klassische Erdgrab wohl sterben. Welche alternativen Bestattungsformen, die andernorts nicht angeboten werden, bietet das in Bergisch Gladbach ansässige Unternehmen Pütz-Roth?

David Roth: Vieles davon habe ich eben bereits erwähnt. Nennenswert ist noch unsere Trauer-Akademie, die jährlich von über 20.000 Gästen besucht wird. Wer sich dafür interessiert, sollte unsere Internetseite besuchen.

„Trauer ist Liebe. Sie gedeiht nicht im Kühlhaus“, so die mahnenden Worte des verstorbenen Firmengründers Fritz Roth. Ruft man sich in Erinnerung, dass früher speziell im Alpenraum Verstorbene einige Tage zuhause auf Totenbrettern aufgebahrt wurden, um anschließend damit auf den Friedhof getragen zu werden, wirkt der Umgang mit dem Tod heute extrem steril.

David Roth: Abwaschbare, desinfektionsfähige Kühlboxen aus Edelmetall. Plastikblumen, die man sich stundenweise leihen kann. Und Trauerredner, die als Tonkonserve vom Band sprechen. Das sind nur einige der heute üblichen Bestattungsutensilien. Ich will nicht respektlos sein, aber diese Entwicklung lädt fast nicht mehr zum Sterben ein.

Pütz-Roth gestaltet den Umgang mit dem Sterben und Trauern sensibler. Sie bieten Bestattungsvorsorge noch zu Lebzeiten für Sterbende und Hinterbliebene an. Besonders interessant ist Ihre Trauer-Akademie. Ob Kochkurs, das jährliche „Sommerkonzert für die Seele“, Bridge-Runden oder andere Veranstaltungen, Pütz-Roth hilft Hinterbliebenen, die Trauer und das Alleinsein zu verarbeiten. Außerdem zählt zu Ihren Leistungen das Schulen von Polizisten, die lernen wollen, mit Angehörigen von Todesopfern zu sprechen. Auch die Sensibilisierung von Schulklassen oder Kindergartenkindern sowie die Beratung von Eltern verstorbener Kinder stehen in Ihrer privaten Trauer-Akademie im Programm. Welches „Fremdeln“ rund um Tod und Beisetzung stellen Sie persönlich oder Ihre Mitarbeiter besonders häufig bei Begegnungen dieser Art fest?

David Roth: Das „Fremdeln“ geht noch viel weiter. Meistens stellen wir – leider – im wahrsten Sinne des Wortes Berührungsangst mit den Toten fest. Sieht man davon ab, dass sich heute nur wenige zugestehen, Trauer zuzulassen oder diese zu zeigen, fehlen den meisten Hinterbliebenen Kenntnisse über ihre Rechte. So ist es rechtlich durchaus möglich, Verstorbene bis zu 48 Stunden zu Hause zu lassen. Allein dieser kleine Zeitgewinn kann das Abschiednehmen ein wenig erleichtern.

Statistisch gesehen sind Frauen im Vorteil, was die Lebenszeit betrifft. Die klassische Rolle des weiblichen Geschlechts als Hüterin von Heim, Kindern und Hof ist längst Schnee von gestern. Wie verhält es sich aber in Sterbefällen oder beim Vorsorgen? Männern werden im Trauerfall oft fehlende Emotionen oder noch drastischer zu geringe Bereitschaft zur Trauer unterstellt. Gibt es in diesem Zusammenhang ein berührendes Beispiel, das Ihnen oder Ihrer Schwester Hanna sehr nahe gegangen ist?

David Roth: Wir beide erledigen überwiegend das Management oder koordinieren Mitarbeiter sowie das Führen der Trauer-Akademie. Bei Männern wissen wir dennoch, dass fast in allen Fällen unmittelbar nach einer Beisetzung die Arbeit wieder ruft. So erhalten Verwandte ersten Grades offiziell meist nur einen Tag Urlaub. Es sei denn, der Arbeitgeber ist großzügiger. Was bleibt? Oft nur wenige Stunden.

Sie bestatten jährlich rund 1.200 Personen. Überwiegen dabei Frauen oder Männer? Wer davon bevorzugt die Urnenbeisetzung?

Bei uns hält sich das fast die Waage.

Ihr Familienunternehmen ermöglicht besonders sensiblen Service für Menschen, die sich rechtzeitig und ernsthaft mit dem „Danach“ auseinandersetzen möchten. Schwerpunktmäßig beraten Sie aber auch Pflegende und Hinterbliebene sowie Angehörige der unterschiedlichsten Berufsgruppen. Ein weiteres Credo Ihres Vaters, Fritz Roth, zielte auf mangelnde menschliche Wärme ab. „Um den Tod zu begreifen, braucht man die rechte Nähe und die rechte Zeit mit den Toten.“ Wie ist Ihnen zumute, wenn Sie von Fällen hören, die Tendenzen wie Segen und Fluch unserer Wohlstandsgesellschaft widerspiegeln? Würden Sie einem Alleinstehenden eine Lebensendklinik empfehlen? Die Nachfrage wächst. Möglich ist das derzeit in den Niederlanden und der Schweiz.

David Roth: Ein heikles Thema. Hierzu will ich keine pauschale Aussage treffen. In diesem Zusammenhang scheint mir eher Wunsch und Vermächtnis des Einzelnen wichtig. Das heißt, die Klärung der Fragen: Gibt es eine Patientenverfügung, wo ist diese hinterlegt? Ist sie rechtlich noch gültig?

Angenommen, Sterbehilfe wäre in Deutschland legal. Könnten Sie sich als Manager des für Visionen bekannten Bestattungsunternehmens Pütz-Roth vorstellen, „Tod auf Verlangen“ anzubieten? Ließe sich das mit Ihren persönlichen, aber auch mit den ethischen und moralischen Einstellungen Ihrer Schwester Hanna vereinbaren?

David Roth: Uns liegt sehr an der Klärung, ob der Einzelne von uns das Recht hat, den Zeitpunkt seines Lebensendes selbst zu bestimmen. Aktuell führen wir zu diesem Thema auf unserer Website eine kurze Befragung durch.

Bezogen auf ein Jahr betrachtet, wie oft kommt es vor, dass Sie Vereinsamten die Leistungen Ihres Bestattungsunternehmens zuteilwerden lassen?

David Roth: Wir registrieren steigende Tendenz.

„Willkommen im tollsten Bestattungshaus der Welt.“ Dieses Statement Ihres Vaters brachte mich zum Schmunzeln. Spontan dachte ich dabei an Zirkus, Theater und Freigeisterei. Pütz-Roth sucht und bietet seit fast drei Jahrzehnten Neues rund um Bestattung und Trauerbegleitung. Sie leben und arbeiten im Rheinland. Nord- und Südlichter sprechen oft von der rheinischen Frohnatur. Gibt es Beisetzungen, die Ihnen als außergewöhnlich fröhlich oder gar lustig in Erinnerung geblieben sind? Natürlich made by Pütz-Roth. Also richtig „toll“?

David Roth: Toll im Sinne von lustig oder fidel? Uns geht es darum, möglichst unverkrampft zu sein. Selbstverständlich kenne ich gutgemeinte Ratschläge, die bei Trauernden oft wie ein Hohn wirken müssen. Zum Beispiel: „Ihm wird viel Leid erspart.“ Oder: „Im Himmel ist Oma gut aufgehoben.“ Hinter solchen Äußerungen stecken Unsicherheit, mangelndes Mitgefühl sowie Ignoranz. Leider.

Unser Vater wünschte sich noch zu Lebzeiten eine fröhliche Beerdigung. Die Bergisch Gladbacher Prinzengarde stand Spalier. In der Kirche wurde ein Musikstück von Pavarotti gespielt. Danach aber auch echt kölsche Töne. Redner waren unter anderem der Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach, der beim Erzählen über eine gemeinsame Irrfahrt mit einem Navigationsgerät unter den Trauergästen für herzhafte Lacher sorgte. Auch Kabarettist Rainer Pause erheiterte die Gemüter, und die feurige Predigt des stellvertretenden Superintendenten Otmar Baumbergers würdigte man mit Applaus. Purple Schulz, ebenfalls langjähriger Freund meines Vaters, beendete die Trauerfeier mit einem Lied. Abschließend griffen wir zu Kölsch, Kuchen, belegten Broten und Kaffee. Ganz im Sinne unseres Familienoberhaupts.

Das Magazin des Kölner Stadt-Anzeigers zitierte im Juli 2012 Ihren Vater mit den Worten: „Redet darüber!“ Darunter ein ganzseitiges Bild mit folgendem Text: „Bestatter Fritz Roth hat den Tod schon immer persönlich genommen. Jetzt aber ist er ihm näher als je zuvor.“ Dass Ihr Vater gläubig war, daraus machte er keinen Hehl. Auf die Frage, was er, als Deutschlands berühmtester Bestatter, der sich ein halbes Leben lang mit dem Tod beschäftige, angesichts seiner unheilbaren Krankheit fühle, erwiderte er: „Ich wusste auch vorher immer: Meine Zeit steht ohnehin fest.“

Vermutlich wäre es nicht Fritz Roth gewesen, hätte ausgerechnet er die Planung seiner Trauerfeier anderen überlassen. Die Beisetzung erfolgte im Altenberger Dom unter Teilnahme von 2.500 Personen, darunter viele Künstler, Prominente, Kollegen, Politiker, aber auch viele Bergisch Gladbacher. Als Hülle entschied sich Ihr Vater bereits zu Lebzeiten für einen feuerroten Sarg.

Ungeachtet der von ihm gewünschten ausgelassenen Trauerfeier, danach: Wie stehen Sie persönlich zur Beisetzung von Prominenten? Erinnern Sie sich, wie der King of Pop, Michael Jackson, in einem sündteuren Sarg beigesetzt wurde? Oder wie wirkte Rudolf Moshammers Begräbnisumzug auf Sie?

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Foto ©Pütz-Roth/Sen-Gupta

David Roth: Die Art, wie Erinnerung gewünscht oder inszeniert wird, sollte zu dem Verstorbenen passen. Stattdessen würde ich gerne auf Begräbnisumzüge eingehen. Das letzte Geleit hat historisch betrachtet eine lange Tradition. Wie so manch anderes, das eine würdevolle Bestattung ausmacht, sind auch Trauerumzüge in Vergessenheit geraten. Wie Sie eben sagten, man kennt sie fast nur noch als mediales Ereignis.

Unserer Familie ist die Rückbesinnung auf Trauerrituale sehr wichtig. Gerade auf dem Land gehören solche Umzüge noch zum Alltag. Man überführt einen Toten beispielsweise vom Trauerhaus aus in die Aussegnungshalle eines Friedhofs. Dort bleibt der Verstorbene dann bis zur Beisetzung. Galt das früher als normal, sind heutzutage, gerade in Großstädten, kommunale Genehmigungen einzuholen. Oft ein Papierkrieg, den viele Hinterbliebene auch aus Zeitnot scheuen. Man scheut, dem Umgang mit Toten ausreichend Zeit einzuräumen. Leider erfolgen viele Beisetzungen in knapp 30 Minuten. Sehr schade. Denn Menschen, mit denen man meist sein ganzes Leben oder auch nur eine Handvoll schöner Erinnerungen teilte, sind in kürzester Zeit unter der Erde. Dabei vergessen viele, dass Abschiednehmen, Kondolieren und die Tatsache, dass ein Leben für ewig gelöscht wurde, Emotionen aufwerfen, die erst nachträglich verstanden werden.

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Foto ©Pütz-Roth/Sen-Gupta

Nochmals zum Thema Trauerumzug: Je mehr Zeit wir dem Verarbeiten trauriger Gefühle zugestehen, desto größer die Hoffnung, dass die Familie, Kinder, Kollegen, Geschäftspartner, Nachbarn und Freunde für sich eine individuelle Form des Abschieds finden.

So haben wir unserem Vater, wie man so schön sagt, die letzte Ehre auch durch einen Trauerumzug erwiesen.

Philipp von Hardenberg, besser unter dem Pseudonym Novalis bekannt, war sich sicher: „Jedes Geschäft muss künstlerisch behandelt werden, wenn es sicher und dauernd und durchaus zweckmäßig gelingen soll.“ Herr Roth, vermutlich entwickelte Ihr Vater das Projekt „Ein Koffer für die letzte Reise“ in diesem Sinne. Die Idee dahinter: Er forderte 100 Menschen auf, einen Koffer für die letzte Reise zu packen. Darunter Prominente wie Alexander von Schönburg. Dieser packte in seinen Koffer symbolisch Gebete. Die Autorin Susanne Fröhlich legte außer einem Familienfoto Nudeln, eine Pinzette und Feuerzeug „für mehr Licht“ bei. Purple Schulz, der Musiker und Texter, möchte auf seiner letzten Reise nichts mitnehmen, denn „so lässt es sich besser reisen“. Seitdem macht Pütz-Roth diese „letzten Koffer“ als Wanderausstellung der Öffentlichkeit quer durch Deutschland zugänglich. Haben Sie diese Idee mitentwickelt? Und: Steht Ihr persönlicher letzter Koffer bereits fertig gepackt in einer Büroecke?

David Roth: Die Idee, einen Koffer als Bild dafür zu wählen, dass wir am Lebensende nur sehr wenig, im Prinzip gar nichts, mitnehmen können, ist typisch für meinen Vater. Bei solchen Metaphern, aber auch bei allen anderen neuen Formen des liebevollen Trauerns, hat stets unser ganzes Team Gedanken beigesteuert.

Übrigens ist mein Koffer noch leer. Ich habe auch noch viel zu tun.

Herr Roth, Dr. Sam Parnia, Assistenzprofessor für Intensivmedizin und Reanimationsforschung an der State University of New York, hat den Ruf als Experte für Nahtoderfahrungen. In seinem Buch „Der Tod muss nicht das Ende sein“ gibt Parnia Einblick in aktuelle Erkenntnisse über den Nahtod und die Rückkehr ins Leben. Unter anderem ist darin von einem Beispiel zu lesen, das von der Begegnung mit einem lichtvollen, liebenden und mitfühlenden Wesen berichtet, das Trost spenden würde. Kurz vor seinem Tod bekannte Ihr Vater gegenüber der Presse, er wisse nicht, ob ihm das Sterben so locker von der Seele gehen wird. Deshalb: Halten Sie Nahtod-Erfahrungen generell für möglich? Und: Gehen Sie davon aus, eine Seele zu besitzen?

David Roth: Die Frage, ob der Mensch eine Seele hat, beschäftigt viele Wissenschaftler, wie Sie eben selbst feststellten. Ich wuchs in einem katholischen Elternhaus auf und wurde entsprechend geprägt. Selbstverständlich legen wir uns im Falle einer Trauerbegleitung oder Bestattung weder auf Nationalität noch Konfession fest. Ich bin und fühle spirituell. Die Seelenfrage muss ich somit offenlassen.

Interessant, dass Sie auch die Möglichkeit von Nahtod-Erlebnissen ansprechen. Unsere materielle Welt schiebt Übersinnliches und Unerklärbares gerne an den Rand. Literatur, Science-Fiction-Filme und die wachsende Suche nach Lebenssinn sind nur einige Begleiterscheinungen, die mir in diesem Zusammenhang einfallen. Auch die Amtskirchen haben dazu eigene Meinungen. Ich will mich nicht drücken. Ich hoffe und spüre täglich, dass es mehr geben kann. Sprach ich mit meinem Vater darüber, sinnierte er gelegentlich: „Es wird eine Dimension sein, die unser Denken überschreitet.“

Ihr familiengeführtes „Landhotel der Seele“ bietet außer Urnen, Beisetzungen unter Bäumen auf Ihrem Betriebsgelände oder auf einem Gottesacker nach Wahl künftig auch virtuelle „Memorials“. Bitte erzählen Sie kurz darüber.

David Roth: Sie meinen die Möglichkeit, auf der Pütz-Roth-Website virtuell zu trauern? Dazu lohnt sich ein Blick ins Internet. Dieses Angebot verstehen wir als zeitgemäße Antwort auf unser multikulturelles und vor allem mobiles Leben. Zu Zeiten der Industrialisierung wurde man noch an einem Ort geboren, arbeitete lebenslang vor Ort und wurde in seiner Heimaterde begraben. Aber auch ursprüngliche gesellschaftlich geprägte Lebensformen unterliegen dem Wandel. So bieten wir Menschen die Möglichkeit, sich innerhalb unserer virtuellen Gärten der Bestattung eine Grabstelle auszusuchen. Das setzt voraus, dass Freunde, Angehörige oder Familienmitglieder die Zustimmung der Hinterbliebenen haben. Ortswechsel und Trennungen verlangen heute eine neue Form des Trauerns. Wer möchte, kann für einen Toten in unseren Gärten der Bestattung eine virtuelle Botschaft hinterlassen.

Als Europas bekanntester Bestatter ist man ständig gefordert, zeitgeistige, nachfragestarke Angebote zu entwickeln. So begnügte sich der Firmengründer nie mit dem aktuellen Stand des eigenen Bestattungsunternehmens, sondern setzte stets neue Akzente der Trauerbegleitung.

60-jährig stellte Ihr Vater das im europäischen Raum einmalige Angebot „Reise ins Leben“ vor. Dabei handelt es sich um Reiseangebote für Trauernde. Organisation und Abwicklung übernimmt ein Riese der Reisebranche, TUI. Hierfür verlieh die Zeitschrift GEO Saison im Rahmen der ITB-Weltleitmesse des Tourismus TUI und Pütz-Roth die Goldene Palme in der Kategorie „Die besondere Pauschalreise“. In welcher Weise hilft Ihr Angebot „Die Reise ins Leben“ Trauernden?

David Roth: Angebote der Privaten Trauer-Akademie Fritz Roth sind Reisen, Seminare und Fortbildungen. Neben Gesprächskreisen, der Aufführung von Filmen und Theaterstücken können Interessierte in den Räumen unseres „Hauses der menschlichen Begleitung“ unter Gleichgesinnten entspannen, ob innerhalb des Gebäudes oder je nach Jahreszeit auf unserer Waldbühne. Man kann dort aber auch allein entspannen.

„Eine Reise ins Leben“ bringt auf neue Gedanken und hilft, den Schmerz zu verarbeiten. Erfahrungsgemäß ist eine solche Reise frühestens sechs Monate nach einem Trauerfall sinnvoll. Jede Reise wird von zwei geschulten Mitarbeitern betreut. Es handelt sich um Flugreisen zu europäischen Nahzielen.

Ist das letzte Hemd wirklich bunt, Herr Roth? Zum Thema „Die neue Freiheit in der Sterbekultur“ ging Ihr Vater unter die (Co-)Autoren. Das Buch „Das letzte Hemd ist bunt“ mahnt, sich bei Todesfällen nicht auf Experten zu verlassen. Ihr verstorbener Vater, Fritz Roth, fordert darin unverblümt auf, letzte, für Hinterbliebene oft lebenslang entscheidende Momente nicht zu verschenken. Auch die ehemalige Landesbischöfin Margot Käßmann würdigte „Das letzte Hemd ist bunt“ anlässlich eines Vortragsabends in Ihrer privaten Akademie auf dem Roth’schen Berg.

Herr Roth, die Hemdfarben-Frage mal außen vor gelassen: „Das letzte Hemd hat keine Taschen.“ Wie wichtig sind Ihnen persönlich materielle Güter?

David Roth: Glauben Sie mir, nachdem auch ich schon viele Jahre täglich sehe, wohin die letzte Reise, ob mit oder ohne gepackten Koffer, führt: Einen Großteil dessen, was wir bei Pütz-Roth mit Bestattungen und Trauerbegleitung sowie der Privaten Trauer Akademie erwirtschaften, reinvestieren wir in das Familienunternehmen. Niemand von uns, dazu zähle ich auch meine Mutter, sieht im Anhäufen von Geld oder Besitztümern den tatsächlichen Sinn. Ich kann es nur nochmals betonen: Wir leben, was wir bieten und nach außen verkörpern.

Kunst in jeder Form, war Ihrem Vater immer sehr wichtig. Gibt es einen Künstler, den Sie persönlich seines interessanten Lebens oder seiner Stilistik wegen ganz besonders schätzen? Wen würden Sie in Ihrem Betriebsgelände ausstellen wollen? Und: Werden Sie die jährlich wechselnden Ausstellungen beibehalten?

Die Schriftstellerin Bettina von Arnim sagte einst: „Jede Kunst steht eigenmächtig da, den Tod zu verdrängen, den Menschen in den Himmel zu führen.“ Ähnlich denke ich. Die Tradition, auf unserem Gelände im jährlichen Wechsel neue Künstler samt ihren Werken zu präsentieren, werden wir natürlich auch künftig pflegen.

Erlauben Sie bitte eine wesentliche Frage, Herr Roth: In welchem Maße wird wohl einst die folgende These auf Sie persönlich zutreffen? Drehen Sie bitte Ihre Lebensuhr schon mal gedanklich vor: „Einige leben vor ihrem Tode, andere nach ihrem Tode. Die meisten Menschen leben aber weder vor noch nach demselben; sie lassen sich gemächlich in die Welt herein und aus der Welt heraus vegetieren“, so die Inschrift auf dem Grab des deutschen Dichters und Schriftstellers Johann Gottfried Säume.

David Roth: Trotz eines randvollen Terminkalenders, den alle in unserer Familie haben, achten wir auf eine vernünftige Balance von Arbeit und Freizeit. Meine Schwester hat ein Kind und ich habe drei kleine Kinder, die halten uns auf Trab. Meine Mutter wirft ein Auge auf die Finanzen. Und unsere Ehepartner möchten natürlich auch nicht zu kurz kommen. Das heißt, die ganze Familie Roth lebt kräftig – besonders vor der letzten Stunde.

Übrigens achten wir auch bei unseren Mitarbeitern sehr darauf, ihnen Erholung und Inspiration zu ermöglichen.

Zu guter Letzt: Was quält oder ärgert Sie in Sachen „Nachfolger“ am meisten seit Antritt Ihrer Position als Geschäftsführer des Bestattungsunternehmens Pütz-Roth? Vielleicht Ihre persönliche Überzeugung, die Sie vor Beginn unseres Gesprächs flüchtig erwähnten?

David Roth: Stimmt. Es gibt so vieles, das die Menschen nicht über den Tod wissen. Eines der Hauptanliegen meines Vaters werde ich nie vergessen. Er sagte immer, wir leben, als gäbe es keine Grenzen. Der Tod setzt eine natürliche Grenze. Seiner Auffassung zufolge soll sich jeder den Tod begreifbar machen. Demzufolge muss ein Friedhof auch ein Platz des Lebens sein.

Herzlichen Dank für die ausführliche Unterredung.

Das Gespräch führte Gerhard J. Ernest

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