Ideenfutter

Für Experten, Führungskräfte und Umsatz-, Verkaufs- und Vertriebsverantwortliche in Unternehmen mit engem Zielgruppenfokus

Gerhard J. Ernest

von Gerhard J. Ernest | 16.10.2013

Kommentieren


Besitzgier als Lebensinhalt: Im Sog der Kaufsucht

SL730110

Foto: Ernest

In Deutschland schenken Psychologen der Kaufsucht ihre Beachtung erst seit den 1990-er Jahren. Fest steht: Wirtschaft und Kultur beeinflussen das Konsumverhalten des Menschen in großem Maße. Immerhin sind rund sechs Prozent der Bevölkerung Ostdeutschlands und etwa acht Prozent in den alten Bundesländern potenziell gefährdet. Was in den USA und Kanada längst in Selbsthilfegruppen nach den Prinzipien Anonymer Alkoholiker organisiert ist, steckt in Europa noch in den Kinderschuhen. Deutschland, Österreich, Frankreich, England und die Schweiz streben seit kurzem an, das Problem fundiert zu erfassen. So versucht man derzeit Rückschlüsse zu gewinnen, ab welchem Stadium normales „Shoppen“ krankhafte Züge annimmt. Bis zu welchem gelingt es Ihnen Kaufversuchungen zu widerstehen?

Verlust der Selbstkontrolle

800.000 Menschen in Deutschland kaufen regelmäßig aus Sucht, so die Techniker Krankenkasse. Deren Sprecherin, Ulrike Fieback stellt fest: „Die Tendenz hat in den vergangenen zehn Jahren spürbar zugenommen“. Allerdings sei die Dunkelziffer der Kaufsüchtigen wesentlich höher. Oniomanie, wie die Erkrankung auch genannt wird, äußere sich darin, Unnützes zu erstehen, weiß Psychologe Gerhard Raab.

Das Kaufen ersetze fehlende Liebe, Anerkennung und innere Leere. Werden Gefährdete am Kaufen gehindert, wären Schweißausbrüche oder Herzrasen die Folgen des „Entzugs“. Erschreckend sei, dass es sich bei fehlender Kontrolle über Ausgaben und Konsumverhalten vor allem in den westlichen Industrienationen um ein flächendeckendes Phänomen handle, sagt der Ludwigshafener Psychologieprofessor. Experten des Uniklinikums Erlangen prognostizieren, dass die Zahl der Kaufsüchtigen in den nächsten Jahren rapide ansteigen wird.

Kaufen verdrängt Negatives

IMG_7218

Foto: Ernest

Genau betrachtet gieren Betroffene weder danach bestimmte Dinge zu besitzen noch zu konsumieren. Vielmehr wird berichtet, der Kaufvorgang selbst bringe die eigentliche, tiefe Befriedigung. Oft zur Betäubung innerer Leere und Unruhe. Oder zur Unterdrückung von Angst und Depression. Kaufen sei oft nur ein Schrei nach Hilfe, der die „Beachtung“ von Mitmenschen bringen soll. Meist wolle man sich belohnen, oder ein aktuelles Problem übertünchen. Viel zu spät erkenne manch Betroffener, was Kaufen für ihn, vielleicht situationsbedingt, rechtfertigen mag: Selbstbetäubung oder das Erlangen von Glücksgefühlen.

Erste Anzeichen ernst nehmen

Wer sich regelmäßig in immer kürzeren Abständen nahezu unwiderstehlichem Kaufzwang nachgibt, handelt irrational: Nicht mehr die Bedarfsdeckung steht im Vordergrund.

Fakt: Mögliche Konsequenzen, die Fehl- und unnütze Käufe mit sich bringen, werden völlig ausblendet. „Krankhaft“ weil die Kaufdosis ständig erhöht werden muss. Im Nachhinein bekennen sich Ex-Kaufsüchtige zu Schwächen wie: „Es“ war stärker als ich. Schuldenberge, die solche Geisteshaltungen im Verborgenen nach sich ziehen, sind oft erst der Anfang eines jahrelangen teuflischen Strudels.

3 mögliche Symptome für Kaufsucht

  • „Kaufsucht ist eine unauffällige Sucht. Sie kommt schleichend und wird immer massiver“. Ulrike Fieback, Sprecherin der Techniker Krankenkasse Niedersachsen
  • „Das Blut rauscht wie wild durch den Körper. Schon kurz darauf auf der Straße wird man sich der Sinnlosigkeit des Kaufs bewusst und Schuldgefühl schießt ein. Doch es ist einem unmöglich, umzudrehen und die Waren zurückzugeben“. Sieglinde Zimmer- Fiene, Leiterin der Selbsthilfe für Kaufsucht, Hannover
  • „Man verliert jedes Gefühl für Werte, Besitz und Schulden“. Sieglinde Zimmer-Fiene, Leiterin der Selbsthilfe für Kaufsucht, Hannover

Krankheit als Folge

SL731726

Foto: Ernest

Meist viel zu spät wird den Konsumopfern das selbstauferlegte, zwanghafte Handeln bewusst. Man schämt sich, fürchtet sogar die soziale Ächtung von Familie, Partnern und Freunden. Kurzfristige Hochgefühle, die sich beim Zahlen von Waren und Dienstleistungen einstellen, gehen quer durch alle Gesellschaftsschichten. Betroffene räumen ein, es sei verhängnisvoll, dass man heute fast rund um die Uhr einkaufen könne. Denn trotz der Kreditlimits, die Banken relativ schnell auferlegen, werde es zum Verhängnis, dass Kreditkartenüberziehungen noch lange Zeit möglich wären. 90 Prozent der Fälle werden für Dritte oft erst offensichtlich, wenn Lohnpfändung erfolgt, Inkasso-Eintreiber oder Gerichtsvollzieher plötzlich klingeln oder heimliche „Warenlager“ von Personen im Umfeld enttarnt werden.

Normalität schwer zurückzugewinnen

Sieglinde Zimmer-Fiene, Autorin des Buches „Mein Leben durch die Hölle“ räumt offen ein, man verliere jedes Gefühl für Werte, Besitz und Schulden. Aus eigener Erfahrung weiß sie: Täuschung des Umfeldes ist lange Zeit möglich. So werden Rechnungen und Waren gut versteckt. Zur Rechtfertigung von Ausgaben verstrickt man sich in ein Lügenkarussell.

Die Folgen: Existenzangst, Depression, psychosomatische Beschwerden, Verlust von Ansehen, Zerstörung von Beziehung und Familie. Als letzten Ausweg erachten manche Extrem-Kaufsüchtige nur noch den Suizid.

Therapeutische Hilfe suchen

Der Ausstieg gelingt in vielen Fällen nur noch mit fachärztlicher Hilfe. Verhaltenstherapien oder psychologische Unterstützung sollten unbedingt angestrebt werden. Aber auch regelmäßige Besuche von Selbsthilfegruppen können „heilend“ wirken.

IMG_4447

Foto: Ernest

Tipp: Stets in bar zahlen, Kreditkarten sperren lassen. Wöchentlich oder monatlich nur noch Fixbeträge abheben. Bedarfseinkäufe mit Begleitpersonen planen und durchführen. Handy-, Internet-, Katalog– und Homeshopping-Einkäufe drastisch reduzieren. Falls erforderlich, Hilfe bei örtlichen Schuldenberatern suchen.

Kennen Sie in diesem Zusammenhang schon diese Beiträge?

Diesen Artikel bewerten

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne

Diesen Artikel Kommentieren

Ich freue mich auf Ihr Feedback


* Pflichtfeld